(SZ)Das Schlimmste, was einer neuen Miss Germany bislang widerfahren
konnte, waren Oben-ohne-Fotos oder Kinder, die erst nach der Wahl
auftauchten. Die Jury hatte das überhaupt nicht gern und stürzte das
Mädel schnell wieder vom Thron. In diesem Jahr lief es für den
Veranstalter doppelt, ja dreifach dumm. Zunächst legte die Siegerin
2002, Katrin Wrobel, ihr Krönchen ab, weil das Reglement es verbietet,
während der Amtszeit als Miss zu heiraten - Frau Wrobel hatte dies
Detail wohl bei der Bewerbung übersehen. Dann kam die Sache mit
Nigeria, wo demnächst die Wahl zur Miss World stattfindet und wo eine
Frau gesteinigt werden soll, deren Ehre den Ansprüchen dortiger
Beton-Moralisten nicht genügt. Die Schönheitsköniginnen einiger an
derer Länder entschlossen sich, Nigeria durch Fernbleiben zu strafen.
Nicht so die deutsche Nachrückerin Simone WolfReinfurt. Sie wäre nach
Afrika gefahren und wurde dafür nun von einer Magen-Darm-Infektion
heimgesucht.
Keine schlechte Lösung des Konflikts, jedenfalls eine bessere als die
von der Miss Germany Corporation (MGC) versuchte politisch-
ideologische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in Nigeria.
Deren Geschäftsführer Ralf Klemmer sagte laut dpa: "Diese Art der
Bestrafung gehört ins Mittelalter." Was immer dorthin gehören mag, die
Steinigung ist es nicht, am wenigsten die von Frauen durch elende
Finsterlinge: Die gehört nirgendwo hin, und wahrscheinlich hat es der
Herr Klemmer auch gar nicht so gemeint, sondern nur gut. Überhaupt
fragt es sich, ob die Auswüchse eines Rechtssystems durch eine
leichtgewichtige Veranstaltung wie die Misswahlen zurückgeschnitten
werden können. Nadine Vinzens, die Miss Schweiz, begründet ihren
Boykott so: "Wenn ich da hinginge, würde ich das alles nur
unterstützen." Was alles: den Fundamentalismus, die Scharia, die
Steinigung? Lass mal Luft ab, möchte man ihr zurufen, aus dem Gefühl
heraus, dass Misswahlen außer sich selbst noch nie etwas unterstützt
haben. Andererseits wäre es natürlich herrlich, wenn es so einer
Luftnummer gelänge, den Eiferern in letzter Minute ihr Opfer zu
entwinden. Dann müsste man, jenseits von Geschmäcklerei, fordern:
Schafft zehn, tausend, Millionen Misswahlen!
Eine Misswahl von ganz eigener Art hat übrigens dieser Tage in Litauen
stattgefunden. Im Frauengefängnis von Penevezys bewarben sich acht
Inhaftierte um den Titel einer "Miss Unfrei 2002". Siegerin wurde eine
Schwarzhaarige, die unter dem Deck- bzw. Künstlernamen "Samantha"
angetreten war; das Preisgeld von 1160 Euro erhält sie bei der
Entlassung. Ihr Wunsch: so schnell wie möglich raus aus dem Knast.
Kann man sich vorstellen, dass es Frauen gibt, in Nigeria und sonst wo
auf der Welt, die zu Tode froh wären, wenn sie in Penevezys für einige
Zeit unterschlüpfen könnten?