(SZ)Von allen Monaten des Jahres hat der November den übelsten Ruf:
  jeder Tag ein Stück trüber als der Tag zuvor. Fast keine Blätter mehr.
  Und noch lange kein zünftiger Schnee. Ja, es scheint, als würde dieser
  November 2002 noch novembriger als alle seine Vorgänger. Sogar der
  politische Diskurs bewegt sich seit Wochen schon zielstrebig in
  Richtung letzte Ruhestätte. Heißes Thema heute: "Rente erst ab 70?"
  Doch da ertönt, mitten in die fast totale Trostlosigkeit hinein, aus
  dem Fernsehkasten ein Schrei. Der schrille Schrei einer Frau. Dieser
  Schrei, nun ja, er muss ein Lustschrei sein. Denn wir hören das Wort
  "geil". "Geiz ist geil!", schreit die Frau, sie tut es im Dienste
  eines Mediamarktes mit dem schönen Namen "Saturn". Klingt ziemlich
  idiotisch. "Geist ist geil!", darüber könnte man alsGeistesmensch
  vielleicht diskutieren. Aber wieso Geiz? Ist denn der Geizige, der
  Geizkragen oder auch Geizhals nicht der Trübsinnigste unter den
  Menschen? Der Novembermensch schlechthin?

  Damit wäre der Fall erledigt. Stille. Doch leider geht er nicht so
  schnell aus dem Kopf, dieser Schrei. Ist das, was so blöde klingt,
  nicht vielleicht der platte Anfang tieferer Weisheit? Ist nicht, in
  Zeiten der allgemeinen Not, die Askese die letzte Ekstase, zu der
  jedermann Zugang hat? Geil oder auch cool, das hieß bis vor kurzem:
  ein neuer Ferrari, eine noch fernere Fernreise, eine noch schönere,
  noch schickere Frau. Das waren die Wonnen des solventen Spießers. Der
  jetzt aber als Siegertyp erst einmal ausgespielt hat. Denn der Mann
  der Stunde ist nicht mehr der blindwütige Konsument, sondern der
  hellsichtige Mönch. Der Mensch also, der den Verzicht geradezu
  sinnlich genießen kann. Der aus der Not nicht bloß eine Tugend macht,
  sondern eine regelrechte Wollust. Der, wie der große Dagobert Duck,
  weiß, dass es viel erregender ist, einen Taler zu sparen als tausend
  Taler auszugeben. Oder der, im Museum, lieber zu den monochromen
  Bildern eilt als zu den fetten Schlachtgemälden oder zu den barocken,
  sommerprallen Nackten. Kasimir Malewitsch malte ein schwarzes Quadrat
  auf eine weiße Fläche - und spürte bei seinem Anblick "die
  Feierlichkeit der unendlichen Erregung, die Feierlichkeit des
  Weltalls".

  Dies wäre, vielleicht, auch der richtige Blick auf den garstigen,
  ungeliebten Monat November. Zeigt nicht, vorletzte Frage, der kahle
  Baum die vielgliedrige Schönheit des Geästes viel besser als der dick
  belaubte? Zeigt nicht, allerletzte Frage, ein herbstlich kahler
  Schädel die ganze Schönheit des menschlichen Denkens besser als ein
  banal behaarter? Außerdem: Es gibt keinen Heuschnupfen in diesem
  Monat, keine Stechmücken, keine Grill- und Gartenpartys. Schon dies
  allein wäre Anlass genug für eine kleine, feierlich- unendliche
  Erregung. November also. Guter Monat. Geile Zeit.