(SZ)Bis gestern ruhten unsere Hoffnungen auf dem Fadenwurm
  Caenorhabditis elegans, weil er geeignet schien, uns zur
  Unsterblichkeit zu verhelfen. Zwei Wochen weilt so ein Geschöpf
  gewöhnlich unter den Lebenden, aber dank der Wissenschaft haben es
  einige Exemplare auf mehr als vier Wochen gebracht. Hundert Prozent
  länger leben! Wenn ein Wurm das schafft, dann auch der Mensch. Just,
  als wir unseren Urlaub fürs Jahr 2117 buchen wollten, kommen
  amerikanische Wurmforscher mit der Meldung heraus, der Tod bleibe
  unvorhersehbar, eine Sache des Zufalls, auch bei Caenorhabditis
  elegans. Nix ist's mit Inselhopping in 115 Jahren. Da liegen wir
  längst auf dem Friedhof, wenn überhaupt, denn der Trend geht zu neuen
  Bestattungsformen. So genannte Friedwälder sind im Kommen, wo man in
  freier Natur zur letzten Ruhe liegt. Im Wald sterben, so lange er lebt
  - das ist von den Idealen der Grünen geblieben, wohingegen jüngere
  Generationen von einer Bestattung im Weltall träumen. Und da gibt es
  nur ein Ziel: Pluto, der äußerste der neun Planeten.

  Pluto also. Benannt nach dem Gott der Unterwelt, 1930 entdeckt, ein
  bitterkalter, eisbedeckter Klumpen, der 248 Erdenjahre braucht, um
  einmal um die Sonne zu kreisen. Kein Platz wäre geeigneter, den ewigen
  Frieden zu finden und sicher zu sein vor den Krokodilstränen der Erben
  am Grab. Alles wäre bestens, würden da nicht die Astronomen
  dazwischenfunken mit ihrer quälenden Debatte, ob der Pluto überhaupt
  ein Planet sei. Er habe, behaupten die Wissenschaftler, mitnichten das
  Zeug dazu, sei viel zu klein und höchstwahrscheinlich Teil jenes
  kosmischen Trümmerfelds namens Kuipergürtel, das an der äußersten
  Grenze unseres Sonnensystems in immer währender Finsternis seine Bahn
  zieht.

  Das könnte den Sternguckern so passen: plötzlich die Zahl der Planeten
  auf acht zu verringern, wo doch jedes Kind weiß, dass es neun sein
  müssen, weil es auch neun Engelschöre gibt und die menschliche
  Schwangerschaft neun Monate dauert. So will es die göttliche
  Weltordnung, und die in Frage zu stellen, führt pfeilgrad ins
  Verderben. Den Älteren ist gewiss noch erinnerlich, welchen Ärger es
  auslöste, als man anfing, die Erde als Kugel zu betrachten, anstatt
  die bewährte Scheibenform beizubehalten. Also, Wissenschaftler: Bleibt
  bei euren Fadenwürmern und überlasst anderen die Deutung der Welt! Dem
  amerikanischen Präsidenten, wenn es um Gut und Böse geht, oder den
  EU-Staatschefs, wenn entschieden wird, wie weit Europa reicht. Doch
  was, wenn auch Bush, Blair, Schröder e tutti quanti zu dem Schluss
  kommen, Pluto sei kein Planet? Dann werden wir ihn in den Arm nehmen
  und trösten: Schau her, selbst größere und wichtigere Persönlichkeiten
  sind schon mal degradiert worden. Sogar Möllemann. Aber den Vergleich
  wird er sich verbitten.