(SZ) Morgen wird sein der Tag dieses Herrn. 24 Stunden bleiben,
nachzudenken, wie wir es mit ihm halten wollen, wie wir ihn aushalten.
Also einmal zurückblenden. Vier Jahre. 20.Oktober 1998. Bonn. Ein
denkwürdiges Foto existiert. Herrenrunde, stehend. Die Männer, zwei
von ihnen, kugelten sich, quietschten förmlich vor Vergnügen, während
der dritte, Weltkind in der Mitten, beiseite lächelte. In den Händen
der Protagonisten Sektschalen. In Wahrheit meinten sie wohl, das
wundersame Aroma der ganzen Macht zu kosten, welche ihnen zugefallen
war - in einem Lande, das sie fortan regieren würden. Bundeskanzler
der eine; Superminister der andere; künftiger Weltaußenminister der
dritte, der stillere. Es war eine Bilderbuchszene. Übermütiger Moment
unverhofften Glücks nach dem Ende tief prosaischer
Koalitionsverhandlungen.
Erinnerlich,wie es weiterging? Nach einer gewissen Lernzeit, oftmals
bitterer als süß (und für Schröder eher C&A als Brioni), nach dem
Rücksturz Lafontaines an den westlichen Rand, Arbeitslosen ohne Ende,
Bundeswehr around the World, erhob sich in den Himmel über Berlin des
Kanzlers zweiter Amtseid. Gigseln und sich kugeln gab's nicht mehr.
Seitdem ein einziger Stress. Entlassen, neu ernannt, Chirac, EU in
Brüssel: ziemlich verhaut hat er ausgeschaut, der Schröder, vor
Anstrengung und Anspannung. Ein gereifter Staatenlenker? Teilweise.
Nicht unter Folter würde ihm noch einmal die präpotente Flapsigkeit
rausrutschen, man möge ihn an den Arbeitslosen messen. (Dafür sagt er
im Ernst so was: Wir schaffen es). Morgen nun wird Schröder seine
Regierungserklärung vortragen. Muße, den Entwurf zu überdenken, hat er
nicht. Doch blendend regeneriert wird er sein. Wie so oft.
Vier Jahre haben wir hinter uns, gemeinsam; vier Jahre minus eine
Woche vor uns. Gemeinsam. Mutmaßlich. Warum verschweigen, dass wir uns
immer noch nicht recht gewöhnt haben an einen solchen Kanzler gänzlich
neuen Typs. Ein Selfmademan wie von nebenan, einerseits, mit dem man
klönen, Würschtl essen, einen guten Witz reißen und sich anfrozzeln
könnte. Nicht übel. Wie's G'scherr, so der Herr, spricht der
Volksmund. Aber haben wir Schröder dafür Kanzler werden lassen?
Andererseits ist es eben nicht vorstellbar, dass er irgendwann abends
Krimis von Agatha Christie inhaliert, beispielsweise, der
Lieblingsautorin Konrad Adenauers. Fahles Pferd vielleicht. Oder 13
bei Tisch. Oder dass Schröders offensichtlicher politischer Spieltrieb
zumindest zeitweilig einer Haltung der Nachdenklichkeit Platz machen -
dass er Ideen liebkosen könnte, dem ehrwürdigen Grundsatz folgend:
Erst denken, dann von einem deutschen Weg faseln. Herr Bundeskanzler,
Sie sind nicht zu alt für eine Nachschulung. Hinterher gehn wir mal
auf ein Bier.