(SZ)Seit vorgestern, Sonntag halb zwölf, gehen uns die Bilder nicht
mehr aus dem Kopf. Ein Marathonlauf. Hunderttausende am Start. Mitten
im Gewimmel eine Frau mit lustigen Haaren. Nein, kein Zweifel ist
möglich: Das ist unsere Angela Merkel! Sie läuft das Rennen ihres
Lebens. Schon auf halber Strecke hat sie ihren ärgsten Rivalen
leichtfüßig überholt, den Konkurrenten Koch, welcher kurz danach wegen
totaler Übersäuerung aufgibt. Und jetzt, kurz vor Kilometer 42,
geschieht das Unfassbare: Die kleine, zähe Läuferin passiert sogar den
stärksten aller Männer. Den Topfavoriten Fischer. Das ist er, der
Sieg!
Nun ja. Solche Dinge träumt man, wenn man zu oft vor dem Fernseher
hockt. Zum Beispiel letzten Sonntag, halb zwölf, als der wackere
Ruprecht Eser Angela Merkel ins Studio bat, zur 30-Minuten-Plauderei
mit dem Titel "Merkel rennt". Zwar saß die Vielfachvorsitzende ganz
manierlich am Eser-Tisch, aber das innig-profunde Gespräch wurde doch
von der Rennmetapher überschattet, ja erdrückt. Denn während Frau
Merkel bedächtig vom "Wurzelwerk" der Union sprach sowie vom
"Wertegerüst" und auf der Zielgeraden der Sendung ihre Partei
ermahnte, sie müsse jetzt "die Stärken stärken", rannten die Gedanken
des armen Fernsehzuschauers wild querfeldein, vorbei an Wurzelwerk und
Wertegerüst, und er fühlte die ganze Einsamkeit des
Langstreckenläufers, und dann saß er plötzlich im Kino, und Franka
Potente war Angela Merkel, und in einer winzigen Nebenrolle des Films
sah man Eberhard Diepgen als Eberhard Diepgen, und dann war es
plötzlich zwölf Uhr mittags, und Merkel samt Eser waren vom Bildschirm
leider verschwunden. Und alle Fragen offen.
Vor allem die wichtigste: wieso die Politiker überhaupt rennen. In den
alten Zeiten war es geradezu ein Vorrecht der Mächtigen, niemals
rennen zu müssen, das Rennen den Domestiken zu überlassen.
"Wohlbeleibte Männer" wünschte sich Julius Caesar im Zentrum der
Macht, keine Jogger jedenfalls, und hieran hat sich die Politik
jahrtausendelang gehalten. Bis das große Gerenne losging. Der rennende
Carter: ein Schwächeanfall. Der rennende Clinton: ein Schweißausbruch.
Fischer rennt, Clement rennt, demnächst rennen sie alle. Nur der
Kanzler, der Rotwein- und Zigarrenschröder, verteidigt noch das
Menschenrecht auf Unsportlichkeit. Zwar tritt er gern mal gegen einen
Fußball, aber die weitaus dynamischste Bewegung, die wir von ihm
kennen, ist doch jene, mit welcher er bei nahezu jeder Gelegenheit das
stickige Jackett von sich wirft und so das darunter liegende,
tatsächlich (danke, Frau Doris!) blütenweiße Oberhemd freilegt. Wo
waren wir stehengeblieben? Keine Ahnung, das Rennen ist zu Ende. Jetzt
heißt es erst einmal, ganz schnell die Stärken zu stärken.
Mittagspause also!