(SZ) Es war einmal ein Landtagsabgeordneter der SPD aus Bayern, der
  einen Preisträger mit angemessenen Worten beglückwünschte. Weil er
  aber tief im Herzen dachte, der Betreffende sei ein Wicht und keiner
  Auszeichnung würdig, kritzelte er "Arschloch hoch zehn" auf den
  Briefentwurf, welchen seine Sekretärin indessen unbesehen weiterfaxte.
  Die anschließenden Diskussionen waren lebhaft.

  Ein solcher Triumph des Unterbewussten konnte, das erweist der
  Rückblick eine Woche nach der Wahl, bei den Glückwünschen für Rot-Grün
  nicht passieren. Es gab sie nämlich nicht. Die Wirtschaftsbosse
  schmollten. Der Kandidat gratulierte sich selbst. Und das Wenige, was
  aus dem Weißen Haus über die Wiedergewählten zu hören war, klang bei
  wohlwollendster Auslegung etwa so wie das Arbeitszeugnis, das
  bescheinigt, der Betreffende habe sich häufig im Rahmen seiner
  Möglichkeiten bemüht, den Anforderungen des Hauses gerecht zu werden,
  und im Übrigen schätzten einige Kollegen seine gesellige Art. Daher
  bejubelt die Bundesregierung nun wenigstens die artige Gratulation aus
  Washington zum deutschen Sitz im Sicherheitsrat, als habe George Bush
  persönlich versprochen, deutsche Soldaten künftig nur noch für die
  Feldküche der US-Streitkräfte in Rheinland-Pfalz anzufordern.Wo aber
  fremde Glückwünsche fehlen, hilft die bewährte Kunst der
  Selbst-Gratulation. Selbst Bayerns jämmerlich geschlagene SPD stellt
  den eigenen Bemühungen, den Anforderungen des Hauses gerecht zu
  werden, ein gutes Zeugnis aus und zieht daraus "Zuversicht". Diese
  zunächst erstaunliche Haltung entspringt jedoch nicht, wie man glauben
  könnte, einem durch den Schock bedingten Verlust an Geisteskraft. Im
  Gegenteil. Gerade der Geist, der aus der bayerischen Sozialdemokratie
  spricht, ist zu rühmen, entspricht er doch den besten Neigungen
  unseres Volkes. Denn schrieb nicht schon Johanna Schopenhauer um 1787:
  Die Franzosen beispielsweise pflegten "zu behaupten, dass wir
  Deutschen, wenn jemand ein Bein gebrochen hat, ihn immer noch
  glücklich preisen, weil er nicht zugleich den Hals brach, was doch
  leicht hätte geschehen können".

  So findet sich auch noch ein Schlüssel zum Verhalten des gescheiterten
  Kandidaten in den ersten Tagen nach der Wahl. Er war zwar ebenfalls
  weit davon entfernt, dem Sieger nach lang vergangener Sitte Dinge wie
  "Walt's Gott, nun bet und sing, Glück auf, Dein Arbeit wohl geling"
  zuzurufen, doch macht er seit seiner Rückkehr nach München den
  Eindruck eines glücklichen Mannes. Sonst hätte er nach Berlin gemusst,
  was doch leicht hätte geschehen können. Weise sprach einst der
  Eulenspiegel, wenn Schlimmes eintrat: "Es begibt sich ein böses
  Glück." Für Edmund Stoiber begab sich, so gesehen, ein gutes Unglück.